Traumhaftes Amrum

Vom Dampfer aus, der Wyk auf Föhr verlässt und seinen Kurs südwestlich auf das offene Meer nimmt, erblickt man nach einer halben Stunde einen kleinen grauen Strich am Horizont: Das ist der Leuchtturm von Amrum. Langsam wächst mit ihm die Insel aus dem Meer. Es sieht aus, als hebe der Leuchtturmriese sich aus dem Wasser, eine dunstig-graue Fläche, auf der nach und nach die hellen Tupfen einiger Häuser erscheinen, während hinter ihnen das Dünengebirge aufsteigt. Allmählich deckt die Inselfläche den Blick auf die freie See zu, sie legt sich wie eine riesige Schlange um das Wattenmeer, und der Leuchtturm zeigt jetzt, wie hoch er ist; der höchste an der schleswig-holsteinischen Westküste, 54 Meter über dem Meeresspiegel, das will etwas heißen.

Wittdün ist die Südspitze der Insel, und sie gibt sich dem Urlaubsgast zivilisiert mit ihrer breiten Promenade, ihren Gasthäusern und Hotels und der blanken ziegelgepflasterten Straße. Mag hier noch der Fremdenverkehr das Wort haben, so ist doch nichts da, was einen umwürfe, weder Betonklötze noch prunkende Fassaden, noch Autoparks. Stattdessen laufen viele Kinder herum, denn Wittdün ist berühmt als Bad für Blass-Schnäbel, und die Frauen zeigen ihre nussbraunen Beine, und ihre Haare wehen im Wind.

Ja, der Wind, da ist er. Er riecht nach Salz und Jod und Tang, man bleibt stehen und atmet ihn ein und spürt, wie er durch die Lunge ins Blut dringt und die Haut rötet. Er ist der Atem unserer Insel Amrum und ihr Gesang, ein immerwährendes sanftes Brausen, über dem die hellen Schreie der Möwen und die weichen Rufe des Rotschenkels schweben. Manchmal ist er sanft und schmeichelnd, dann kommt er zu Besuch von der Küste; er duftet nach Gräsern, bringt Fliegen mit, und wer an Heuschnupfen leidet, der fängt zu niesen an. Dann wieder gibt es windstille Tage, die mit einem verzückten Glanz die Insel erleuchten, meist aber weht es von der Nordsee in wellenhaft wogenden Rhythmen, herb und kühl, ein unsichtbar-webendes Leben unter der Riesenkuppel des Himmels.
Wenn der Dampfer nachmittags in Amrums „Inselhauptstadt“ Wittdün anlegt, steht im Mai und Juni die Sonne noch so hoch, dass der Tag kein Ende nimmt und die Lichtfülle unbegrenzt erscheint. Sie verschwendet sich in einem wahren Rausch der Helligkeit, weder die niedrigen Häuser noch die Bäume in ihren Vorgärten können sie abfangen. Es ist ein sieghafter Triumph des Schattenlosen, der das ungeschützte Auge blendet und den Städter begreifen lässt, dass diese Insel rings umschlossen ist von der lichttrunkenen Weite des Meeres.

Die ersten Eindrücke – sie bleiben über allen starken Erlebnissen, die ihnen folgen, erhalten. Der Verstand hat sie noch nicht geordnet, die Erfahrung ihnen noch keine Farben hinzugefügt, sie tragen in sich den Zauber der Überraschung und die Süße des ersten Tags. Das Unbewusste nimmt mehr auf, als die Augen sehen, und die eigentümliche Farblosigkeit der Dünenwelt, die silberne Blässe der wehenden Weiden, die augenblendende Weiße des Amrumer Sandes, der nie endende Gesang der Lerchen, sie verschmelzen zu einem Bilde, dessen Ausdruckskraft über den Reiz des nur Schönen hinausgreift. Es ist ein wechselndes Spiel realer und irrealer Reflexe, wie sie nur in der Begegnung mit dem Ursprung auftauchen, dort, wo der Mensch nicht mehr vor einer Landschaft, sondern inmitten der Natur steht.

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