Miami Beach – Florida

Der Strand von Miami Beach

Ein normales Kaleidoskop bildet durch ein Spiel von Spiegeln und Glasstückchen eine phantastische Wirklichkeit: Es bildet also das wahre Bild einer Illusion. Ein chinesisches Kaleidoskop hingegen verwandelt die äußere Wirklichkeit in eine bewegliche Phantasmagorie aus Formen und Farben: Es bildet also ein illusionäres Bild der Wirklichkeit. Nun, der berühmte Déco District von Miami Beach kommt dem, was man sich urbanistisch und architektonisch unter einem chinesischen Kaleidoskop vorstellen kann, am nächsten. Die geometrischen Verhältnisse verdoppeln und vervielfältigen sich, sie explodieren in abstrakte und naturalistische Formen: Dreiecke, Mäander, Spiralen, Flamingos und Seepferdchen. Die unendliche Vielfalt der weichen Pastellfarben, die das warme und brillante Licht des tropischen Himmels von Miami so gut auffangen, tun ein weiteres und verwandeln diesen Triumph des eklektischen Geschmacks in einen fröhlichen Tanz aus Rosa, Blau, Gelb und Violett: Eine Ode an die Freude auf zementenen Notenlinien, ein Theater ohne Kulissen, eine Bühne, welche den Unter-
schied zwischen Fiktion und Wirklichkeit vernichtet.

Wiederaufbau in den 1930er Jahren

1926 wurde Miami Beach von einem Orkan verwüstet, 1929 wurde es von der großen Krise entvölkert, erst in den Dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann der große Boom, und damals entstand der Großteil der Bauten des Décoviertels. Es kam der Massentourismus auf und in Miami Beach war damals das Losungswort: Konstruieren. Und Freiraum fehlte ja nun auch nicht: Die ganze Südseite des Archipels war eine immense Fläche aus Erde und Sand, welche Konstrukteure und Architekten in kreative Begeisterung ausbrechen ließ.
Um es kurz zu machen: Der Zement floss schnell und wild, wie ein karibischer Orkan. Doch war es kein Schaden für die Natur, denn etwas Grazie erleuchtete diese Euphorie. Man brauchte Hotels und Häuser, okay, aber sie sollten schön, einladend und phantasievoll sein. Sie sollten Menschen aufnehmen, die das Grau der Großstadt und den Rauch der Fabriken satt waren. Dies war ein neuartiges Problem: Den Zement der Idee des Schönen und der Anmut anzupassen und einen Wald von Hochhäusern entstehen zu lassen, der so wenig wie möglich an die Wolkenkratzer Manhattans oder Chicagos erinnerte. Die Lösung entsprang wie eine Magie in den Köpfen einer kleinen Gruppe von Architekten, die sich in die europäische Künstleravantgarde verliebt hatten. Sie hießen Murray Dixon, Henry Hohauser, Albert Anis, Roy France, Robert Swarburg und Anton Skislewicz. Wenige Jahre zuvor hatte die „Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes“ einen starken Eindruck in ihnen hinterlassen. Ein Siegeszug des eklektischen Stils, der sich nicht scherte um das Horrorgeschrei jener Kritiker, die sich dem Kultus der klassischen Harmonien hingegeben hatten. Das Déco seinerseits war den rationalistischen und funktionalistischen Kanons gegenüber gar nicht feindselig gesinnt.

Es half im Gegenteil, die Exzesse zu mildern, indem es die Phantasie der Architekten in der Erfindung neuer Dekorationen entfesselte. Miami Beach wurde zum großen Laboratorium dieser Verkuppelung von Techniken und Ideen. Die „Großartigen Sechs“ hatten freies Spiel. Sie zeichneten Formen aus dem Futurismus, dem Kubismus, dem Liberty, der abstrakten Kunst, der griechisch-römischen, ägyptischen, arabischen, asyrisch-babilonischen und chinesischen Kunst. Es entstanden die sphärische Kuppel des National Hotels, der Turm mit hervorstehenden Flossen des Delano Hotels und der zylindrische Turm des Ritz Plaza, sowie der bizarre Scheinwerfer, der das Dach des Waldorf Towers Hotels beherrscht. Es war der Triumph der elliptischen Konsolen, der Bullaugen, der Hecks und Bugs, der Eckfenster, der Eingänge mit Baldachin, der vielfarbigen Basreliefs, die sich an den Palmen und der Meereszoologie inspirierten, oder der Fluchtpunkteffekte. Wie die Pilze schossen die Art-Deco-Bauten zu Hunderten aus der Erde; heute sind es ca. 800, von denen 650 schon „Geschichte“ sind, d.h. in den Dreißiger und Vierziger Jahren erbaut wurden.

Doch die Farbe, die kam erst nachher. Dieser sanfte Farbenregenbogen gehörte nicht zu den ursprünglichen Charakteristiken: Das Pariser Deco suggerierte den ausschließlichen Gebrauch von Weiß und bis in die Fünfziger Jahre hinein waren auch die Gebäude des Deco Districts durchgehend weiß. Und dann, angeregt von einem nicht häufigen „Verstoß gegen die Regel“, begann die chromatische Revolution. Eines nach dem anderen kapitulierten die alten Gebäude. Das letzte war der zylindrische Körper des Plymouth Hotels. Das magische Kaleidoskop entwickelt und verändert sich, es lebt und vielleicht hat die Zukunft noch eine Überraschung für uns bereit.

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